Kritik nach WM-Ausscheiden
Nach dem frühen Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 2026 im Sechzehntelfinale haben ehemalige Nationalspieler, darunter Toni Kroos und Michael Ballack, deutliche Kritik geäußert. Die Mannschaft unter Bundestrainer Julian Nagelsmann scheiterte im Elfmeterschießen an Paraguay, nachdem es nach Verlängerung 1:1 gestanden hatte. Dieses Ergebnis führte zu einer intensiven Aufarbeitung und Diskussion über den Zustand des deutschen Fußballs.
Julian Nagelsmann kehrte nach dem Turnier wortlos nach Deutschland zurück und mied die wartenden Journalisten am Flughafen München. Auch die Bayern-Profis Aleksandar Pavlovic und Jamal Musiala waren im selben Flugzeug. Nur Pavlovic äußerte sich und beschrieb das frühe Ausscheiden als etwas, das „sehr tief“ sitze. Er betonte, dass sich die Mannschaft viel mehr vorgenommen und erwartet hatte, und das Ergebnis sei „sehr bitter gelaufen“.
Die Zukunft von Nagelsmann als Bundestrainer ist nach diesem Vorfall offen. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) plant, die Personalfrage erst nach der Rückkehr des Teams zu klären. Nagelsmann selbst hatte einen Rücktritt abgelehnt.
Analyse der ehemaligen Nationalspieler
Toni Kroos, Weltmeister von 2014, äußerte sich in seiner TikTok-Sendung „Kroos & Kroos: die WM unter der Lupe“ kritisch über die aktuelle Qualität der Mannschaft. Er stellte fest: „Wir haben aktuell keinen einzigen Weltklasse-Spieler.“ Obwohl er einräumte, dass es Spieler mit Weltklasse-Potenzial gebe, betonte er, dass dies nicht gleichbedeutend damit sei, dass sie bereits Weltklasse seien. Kroos führte weiter aus, dass Weltklasse-Spieler die WM-Spiele entscheiden und in der Torschützenliste entsprechend präsent seien, was bei der deutschen Mannschaft nicht der Fall sei.
Kroos vermisst zudem die Fähigkeit der Mannschaft, in entscheidenden Momenten „einen Gang hochzuschalten“, ein Gefühl, das er in seiner aktiven Zeit bei erfolgreichen Turnieren stets hatte. Er sieht die Ursache dafür in einer Mischung aus Unsicherheit und Selbstüberschätzung. „Wir glauben, dass wir besser sind als Paraguay – wir werden schon irgendwie gewinnen“, so Kroos über die Einstellung der Mannschaft.
Auch der ehemalige DFB-Kapitän Michael Ballack kritisierte grundlegende Mängel. Er beklagte, dass die „deutschen Tugenden“, die Deutschland immer ausgezeichnet hätten, „ein bisschen verloren gegangen“ seien. Die Mannschaft sei nicht mehr in der Lage, schwierige Situationen zu meistern. Ballack beschrieb, wie die Mannschaft oft gut beginne, aber nach dem ersten Gegentor oder Fehler das „Kartenhäuschen zusammenbricht“. Er betonte, dass die Erklärung dafür nicht unbedingt beim Trainer, sondern vor allem bei den Spielern zu suchen sei, da diese auf dem Platz viel selbst regeln müssten und eine entsprechende Selbstverantwortung haben sollten.
Der Weltmeister-Kapitän Philipp Lahm schloss sich der Kritik an und sprach von grundlegenden Mängeln nach dem Debakel in Nordamerika. In seiner WM-Kolumne für den „Kicker“ schrieb der 42-Jährige, dass der Mannschaft schlicht eine Idee fehle, wie sie Fußball spielen wolle. Er bemängelte, dass durch System- und Aufstellungsänderungen die Klarheit verloren gehe, die früher vorhanden war. Lahm fragte, wer die acht Spieler seien, die Verantwortung übernehmen, da andere Top-Nationen diese hätten. Er sah keine Entwicklung der Mannschaft im Turnier, keine Fortschritte und keine klare Idee, wie sie agieren, Torchancen kreieren oder den Gegner vom eigenen Tor fernhalten wolle. Er habe nie eine Mannschaft gesehen, die miteinander agiert.
Weitere Reaktionen und Ausblick
Das Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft im Sechzehntelfinale gegen Paraguay (3:4 i. E.) reiht sich ein in eine Reihe von Enttäuschungen bei großen Turnieren. Auch die Niederlande scheiterte im Sechzehntelfinale an Marokko (2:3 i. E.).
Thomas Tuchel, Teammanager der englischen Nationalmannschaft, kommentierte die frühen Ausscheiden großer Fußballnationen wie Deutschland und den Niederlanden. Er betonte, dass es enge Spiele seien und dies helfe, keine überhöhten Erwartungen zu haben und die Geschehnisse bei der Weltmeisterschaft richtig einzuordnen. Tuchel warnte vor dem nächsten Gegner, der Demokratischen Republik Kongo, die im Sechzehntelfinale auf England trifft. Er hob hervor, dass die Kongolesen bereits über ihren Erwartungen gespielt und einen echten Glauben an ihre Fähigkeiten entwickelt hätten, was sie zu einem schwierigen Gegner mache.
Die Enttäuschung der deutschen Fans ist groß, doch der Politologe Albrecht von Lucke sieht in diesem WM-Schock auch eine Chance für Deutschland, da es sich um eine „absolute Bewährungsprobe“ handele. Die Reaktionen auf das Ausscheiden zeigen eine breite Front der Kritiker, die eine tiefgreifende Analyse und Veränderungen im deutschen Fußball fordern.
Die Ermittlungen wegen Korruptionsverdachts im Zusammenhang mit der Fußball-EM 2024 in Deutschland, bei denen Stadtverwaltungen durchsucht wurden, zeigen zudem, dass der deutsche Fußball auch abseits des Spielfelds mit Herausforderungen konfrontiert ist. Mitarbeiter von Stadtverwaltungen sollen tausende EM-Tickets zu Vorzugspreisen erhalten haben.
Die Diskussionen um die Zukunft des DFB-Teams und die Rolle von Julian Nagelsmann werden in den kommenden Tagen und Wochen weitergehen, während der DFB die Personalfrage klären muss.
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Source: n-tv.de
